Haben Sie je bemerkt, wie seltsam sich die Fahrräder in dieser Gegend benehmen?

Flann O’Brien (1911-1966) war ein großartiger irischer Schriftsteller und ist eine absolute Leseempfehlung von mir an alle, die bizarre Charaktere und abstruse Ideen mögen. Eines der immer wiederkehrenden Themen in seinen Werken sind … Fahrräder! Und deshalb eine kleine Leseprobe aus „Der dritte Polizist“:

„Daher und infolgedessen“, fuhr er fort, „können Sie getrost folgern, dass auch Sie aus Atomen hergestellt sind, und dasselbe gilt auch für Ihre Hosentasche und den Schoß Ihres Hemdes und das Instrument, das Sie zur Entfernung von Speiseresten aus der Krümmung Ihres hohlen Zahnes verwenden. Wissen Sie, was geschieht, wenn Sie mit einem guten Vorschlaghammer oder einem stumpfen Gegenstand auf eine Eisenstange einschlagen?“
„Was?“
„Durch die Wucht des Schlages werden die Atome auf den Grund der Stange getrieben und zusammengedrückt und versammeln sich wie die Eier unter einer guten Brüthenne. Nach einem Weilchen im Laufe der Zeit schwimmen sie herum und kommen schließlich wieder dorthin, wo sie waren.Wenn man aber lange und heftig genug auf die Stange einschlägt, haben sie dazu keine Gelegenheit, und was passiert dann?“
„Das ist eine schwere Frage.“
„Fragen Sie einen Schmied, und er wird Ihnen sagen, dass die Stange sich mählich auflöst, wenn man lange genug mit den kräftigen Hieben fortfährt. Einige Atome der Stange werden in den Hammer gehen und die andere Hälfte in den Tisch oder in den Stein oder in den jeweiligen Artikel, der sich unter der Stange befindet.“
„Das ist wohlbekannt,“ sagte ich.
„Das Brutto- und Nettoresultat davon ist, dass die Persönlichkeit von Menschen, die die meiste Zeit ihres natürlichen Lebens damit verbringen, die steinigen Feldwege dieser Gemeinde mit eisernen Fahrrädern zu befahren, sich mit der Persönlichkeit ihrer Fahrräder vermischt – ein Resultat des wechselseitigen Austauschs von Atomen -, und Sie würden sich über die hohe Anzahl von Leuten wundern, die halb Mensch und halb Fahrrad sind.“
Ich keuchte vor Staunen, und das hörte sich in der Luft an wie ein defekter Reifen.
„Und Sie wären platt, wenn Sie wüssten, wie viele Fahrräder es gibt, die halb menschlich, die halbe Menschen sind, die zur Hälfte dem Menschengeschlecht angehören.“
[…]
„Sind Sie ganz sicher, was das Menschentum der Fahrräder betrifft?“, wollte ich von ihm wissen. „Ist die Atom-Theorie so gefährlich, wie Sie sagen?“
„Sie ist zwei- bis dreimal so gefährlich, wie sie eigentlich sein dürfte“, erwiderte er düster. „Früh am Morgen habe ich manchmal den Eindruck, dass sie viermal so gefährlich ist, und, darüber hinaus, wenn Sie ein paar Tage hierblieben und Ihrer Beobachtung und Inspektion freien Lauf ließen, dann wüssten Sie, wie gewiss die Sicherheit der Gewissheit ist.“
„Gilhaney sah gar nicht wie ein Fahrrad aus“, sagte ich. „Er hatte kein Hinterrad, und ich glaube auch nicht, dass er ein Vorderrad besaß, obwohl ich seiner Vorderseite nicht viel Beachtung geschenkt habe.“
Der Sergeant sah mich mit einigem Mitgefühl an.
„Sie können nicht erwarten, dass ihm eine Lenkstange aus dem Hals wächst, aber ich habe noch unbeschreiblichere Dinge gesehen. Haben Sie je bemerkt, wie seltsam sich die Fahrräder in dieser Gegend benehmen?“
„Ich bin noch nicht lange in diesem Bezirk.“
[…]
„Dann beobachten Sie die Fahrräder, wenn Sie glauben, dass Ihnen permanente Verwunderung Vergnügen bereitet“, sagte er. „Wenn ein Mann es erst mal soweit kommen lässt, dass er zur Hälfte oder mehr als zur Hälfte ein Fahrrad ist, sehen Sie überhaupt nichts, weil er sich meistens mit einem Ellenbogen gegen die Wände lehnt oder sich beim Stehen mit dem Fuß auf dem Kantstein abstützt. Natürlich gibt es noch anderes, das mit Damen und Damenfahrrädern zu tun hat, aber das werde ich Ihnen irgendwann separat erzählen. Immerhin ist das bemannte Fahrrad ein Phänomen von großem Zauber und großer Intensität und ein sehr gefährlicher Artikel.“

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